Seminar
Wutsdorff, Irina, Prof. Dr.
Russische und tschechische Avantgarde
Zeit: Di 10-12
Ort: Neuphilologicum, 426
Beginn: 18.10.2016
Die russische und die tschechische Avantgarde haben eine Reihe Gemeinsamkeiten: Beide verstanden sich als revolutionär und traten deshalb mit dem Anspruch auf, eine umfassende Veränderung des Lebens zu bewirken. Im russischen Fall bedeutete dies für die Bewegungen des Futurismus, Suprematismus und Konstruktivismus nach 1905 und 1917, sich mit der stattgefundenen Revolution auseinanderzusetzen und sich gegebenenfalls aktiv an der Gestaltung des „Neuen Menschen“ zu beteiligen. In der nach 1918 bürgerlich demokratischen Tschechoslowakei dagegen verstanden die Vertreter der linken Avantgarde sich als Wegbereiter einer kommunistisch verfassten Gesellschaft. Die Strömung des Poetismus, die 1824 auf den Plan tritt, wollte die Menschen nicht, wie noch ihre Vorgängerbewegung, durch proletarisch-tendenzielle Kunst auf die nachrevolutionäre Zeit vorbereiten, sondern gerade durch eine autonome, „reine“ Kunst, die ihre Gesetzmäßigkeiten allein aus sich selbst entwickelt. Aus dem umfassenden Anspruch der russischen wie der tschechischen Avantgarden ergibt sich eine weitere Gemeinsamkeit: Sie formulierten spartenübergreifend Konzepte nicht nur für die Literatur und die Malerei, sondern auch für die Architektur, das Theater und das Alltagsleben. Außerdem entstanden in beiden Ländern – in enger Auseinandersetzung mit den Künstlern und der Kunst der Avantgarden – neue literatur- und kulturwissenschaftliche Strömungen, die die Funktion von Literatur und Kunst neu zu bestimmen suchten: In Russland der Formalismus und in der Tschechoslowakei der Prager Strukturalismus. Das Seminar befasst sich deshalb nicht nur mit der sog. klassischen russischen und tschechischen Avantgarde, sondern auch mit den Theorien des Formalismus und des Strukturalismus, die über die Slavistik hinaus Bedeutung erlangt haben.
Literatur: Zur einführenden Lektüre seien folgende deutschsprachige Anthologien empfohlen: Am Nullpunkt. Positionen der russischen Avantgarde, hrsg. v. Boris Groys, Frankfurt am Main 2005; Adieu Musen. Anthologie des Poetismus, ausgew. u. komment. v. Ludvík Kundera, München, 2004.
Bemerkungen: Die im Plenum behandelten Texte sind auch in Übersetzung zugänglich.
Leistungsnachweis:
Anmeldung: per E-Mail direkt bei der Dozentin anmelden