Vorlesung
Holzem, Andreas, o. Prof. Dr.
Neuzeit bis Zeitgeschichte, Teil 1: Aufklärung, Revolution und der Beginn der Moderne. Christentumsgeschichte 1750–1930
Zeit: Mi 16-18
Ort: Theologicum Bibliothek, 211
Beginn: 18.10.2016

Mit der Französischen Revolution entstand zum ersten Mal eine historische Situation, in der einflussreiche Gruppen eine Gesellschaft ohne das Christentum denken und herbeiführen wollten. Die gebildeten Eliten um 1800 sprachen über das religiöse Wissen der Vormoderne despektierlich als "einen verworrenen Quark, wie er uns noch täglich zur Last fällt" (Johann Wolfgang von Goethe angesichts des Reformationsjubiläums von 1817).
Auch katholische Aufklärer polemisierten um 1800 gegen eine in ihren Augen dumpfe "Volksreligion". Ignaz Heinrich von Wessenberg, der zentrale Pastoralreformer des deutschen Südwestens und der meist gehasste vermeintliche Verräter des Christlichen an den Zeitgeist, formulierte 1804 bündig seine Ablehnung einer feierlich-pompösen Reiterprozession "Ganz einleuchtend ist, dass bei dieser Feierlichkeit [...] keine wahre Andacht sich einfinden könne, [...] da die Erfahrung vielmehr noch alle Jahre gelehrt hat, dass Unordnung, Ausschweifungen und selbst Unglücksfälle die unvermeidllichen Begleiter dieser Reiterei seien, welche der Religion ebenso wenig als der Polizey zur Ehre gereichen können".
Als die Schockerfahrung der Dechristianisierung in Frankreich das kirchliche Institutionengefüge ganz Europas aus den Angeln hob, war das Verhältnis von Christentum, Gesellschaft und Staat in eine grundlegende Krise geraten. Aber auch innerhalb der Christentümer selbst fächerten sich das Verständnis und die gelebte Praxis des Christlichen immer weiter auf: Romantik und Ultramontanismus gingen - gegen die Aufklärung - ein Bündnis mit dem forttradierten Substrom der traditionalen Religiosität ein.
Die Pluralisierung des Religiösen wurde zur schmerzhaft umkämpften Grunderfahrung der modernen Gesellschaft: in der Revolution von 1848/49, in den Kulturkämpfen des Kaiserreichs, in der Beanspruchung christlicher Doktrin für die Nations- und Weltkriege, in der schwierigen und letzlich gescheiterten politischen und kulturellen Balance der ersten deutschen Demokratie, aber auch in den konstruktiven Versuchen, das Christentum unter den Bedingungen einer kapitalistischen Industriegesellschaft zu einer Instanz zu machen, die Alltagsorientierung, Lebensbewältigung und demokratische Identität eng miteinander verklammerte.
Literatur: wird im Verlauf der Vorlesung zu den einzelnen Themenkomplexen bekannt gegeben. Zur Einführung: Andreas Holzem, Christentum in Deutschland (1550–1850). Konfessionalisierung – Aufklärung – Pluralisierung, Paderborn u.a. 2015, Kap. 7-11. Kurt Nowak, Geschichte des Christentums in Deutschland. Religion, Politik und Gesellschaft vom Ende der Aufklärung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, München 1995. Immer noch brauchbar: Heinz Hürten, Kurze Geschichte des deutschen Katholizismus 1800–1960, Mainz 1986. Klaus Schatz, Zwischen Säkularisation und II. Vatikanum. Der Weg des deutschen Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1986
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